Es rettet uns kein höheres Wesen! Eine Kritik der Studentenmission Deutschland (SMD) und des Evangelikalismus

Während :uniLinks! davon ausgeht, dass die schlechten Verhältnisse, in denen wir leben, menschen- gemachte Verhältnisse sind, die im hier und jetzt von uns verändert werden sollten, suchen andere ihr Heil lieber in jenseitiger Erlösung durch den einen oder anderen Gott (wobei es dann meistens doch ziemlich eng gesehen wird, welcher Gott denn nun der richtige ist). Das würde uns vielleicht nicht besonders stören, wenn nicht ebensolche Menschen im festen Glauben an die göttliche Erlösung penetrant versuchen würden, andere zu eben diesem Glauben zu bekehren und dann auch versuchen auf die irdischen Verhältnisse in einer Weise einzuwirken, die jedem fortschrittlichen und emanzipatorischen Anliegen widerspricht.

Eine Gruppe, die in genau dieser Weise auftritt ist die evangelikale „Studentenmission Deutschland“, kurz „SMD“, die regelmäßig in der Bielefelder Unihalle präsent ist und christlich-evangelikale Missionierungsarbeit betreibt. Die auf den ersten Blick so freundlich und tolerant erscheinenden Mitstudierenden, die sich neben ihren Infotischen auch mit unterschiedlichsten öffentlichen Veranstaltungen hervortun, wollen wir hier genauer unter die Lupe nehmen. Denn sie stehen uns nicht nur beim Weg in die Mensa im Weg rum, sondern vertreten reaktionäre fundamentalistisch-christliche Positionen, die der emanzipatorischen Vorstellung der Gesellschaft als einer Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist, absolut entgegen steht.

Was ist die SMD?

Die SMD ist Teil eines weltweiten Netzwerkes von evangelikal-christlichen und fundamentalistisch-christlichen Gruppen und existiert bundesweit an angeblich 74 Hochschulen. Sie arbeitet auf Glaubensbasis der sogenannten Evangelischen Allianz. Dabei handelt es sich um ein noch größeres Netzwerk, dem weltweit unterschiedliche evangelikale Organisationen, Vereine und Kirchen angehören. Sie alle eine fundamentalistische Bibelauslegung. So steht die Evangelische Allianz den eigenen Worten nach „unverkürzt zu den Heilstatsachen der Bibel und bekennt sich zur ganzen Bibel als Gottes Wort“1. Das heißt die Bibel wir als unhintergehbare Wahrheit betrachtet, die sozusagen direkt von Gott diktiert wurde. Weder Zweifel noch eine kritische Bibelauslegung, die die Bibel als einen historischen Text begreift, sind gestattet. Entsprechend hat es auch die Glaubensbasis, der sich die zugehörigen Organisationen verpflichten, ins sich. Dort heißt es unter anderem:

Wir bekennen uns zur Allmacht und Gnade Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes in Schöpfung, Offenbarung, Erlösung, Endgericht und Vollendung; zur göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift, ihrer völligen Zuverlässigkeit und höchsten Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung; zur völligen Sündhaftigkeit und Schuld des gefallenen Menschen, die ihn Gottes Zorn und Verdammnis aussetzen.2

Das klingt nicht gut. Und dem hier beschriebenen Gott möchten wir lieber nicht nachts allein im Park begegnen: einem allmächtigen Wesen, das ganz schön böse auf uns ist. Das heißt auf eine Begegnung mit Gott, zu der wir vom SMD eingeladen werden, wollen wir lieber verzichten. Wer sich aber auf die SMD und andere evangelikale Gruppen einlässt, sollte sich darauf einstellen, dass die persönliche Glaubensentscheidung und damit die erwünschte persönliche Beziehung (!) zu Jesus Christus Auswirkungen auf den Alltag haben muss und eine Abkehr vom alten Leben stattfindet3. Die Glaubensentscheidung geht dann einher mit einem Einlassen auf reaktionäre Geschlechterverhältnisse, Familienvorstellungen und Sexualvorschriften. Außerdem sollte sich der/die gläubige Christ_in mit dem Gedanken anfreunden, dass die Welt nur so ungefähr 6000 Jahre alt ist und die Dinosaurier und alle anderen vom lieben Gott (ach ne, ist ja ein zorniger Gott – das sollten wir nicht vergessen) gemacht wurden. Die Frau ist im evangelikalen Weltbild dem Manne untertan, Homosexualität droht die christliche Kultur zu zerstören, Schwangerschaftsabbrüche werden grundsätzlich abgelehnt und überhaupt dient Sexualität einzig der Gott gegenüber eingegangenen Verpflichtung, Nachfahren zu zeugen – nicht aber dem eigenen Vergnügen. Zugleich werden auch Grundannahmen moderner (Natur-)Wissenschaften, besonders die auf den Überlegungen Darwins beruhende Evolutionstheorie abgelehnt4. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass alles was dem eigenen Absolutheits- und Wahrheitsanspruch entgegegen läuft, negiert, zurückgewiesen und als falsch erachtet wird. Eine Revision der eigenen Ansichten wird ausgeschlossen. So heißt es in den ‘Richtlinien’ der SMD, dass die „Grundwahrheiten der Gemeinde Christi“ nicht verändert werden können5. Und dazu gehören eben, dass Bibel von „Gott eingegeben und völlig vertrauenswürdig“ ist. Jeder Zweifel wird ausgeschlossen.

Christliche Pädagogik – Missionierung, die ernst macht

Dass die fundamentalistischen Positionen, die wir hier aufgezeigt haben, nicht nur ‘leere Worte auf Papier’ sind, sondern massiv zur Missionierung und Indoktrination, auch von ‘Schutzbefohlenen’ eingesetzt werden, zeigt sich nicht nur an der fortdauernden Präsenz der SMD in der Unihalle, sondern auch an der Vernetzung und Kooperation mit anderen Organisationen, deren Ziel es ist, Menschen von klein auf mit evangelikalen Überzeugungen aufzuziehen. So warb die Bielefelder SMD im Mai und Juni für das sogenannte „Francke Pädagogium“ und führte in Räumen der Universität Informations- und Rekrutierungsveranstaltungen für ‘christliche Lehramtsstudierende durch’. Das Francke Pädagogium bietet „eine christliche Stu-dienbegleitung für Lehramtsstudierende“. Es geht davon aus, dass „man Schülerinnen und Schüler als christlicher Lehrer prägen und positiv beeinflussen“6 möchte. Wie diese ‘positive Beeinflussung’ aber aussieht, zeigt sich beim Blick auf eine Partnerschule des ‘Francke Pädagogiums’: die Bielefelder Georg-Müller-Schule, die im Jahr 2009 im Zentrum einer WDR-Reportage über christliche Privatschulen stand.

In der Reportage erklärt eine 18jährige Schülerin, dass die Erde nur etwa 6000 Jahre alt sei. Dies sei „eine realistische Zahl“. Genauso zeigt der Film, wie im Erdkundeunterricht gesicherte Erkenntnisse über die Entstehung der Steinkohle von einem christlichen Lehrer infrage gestellt werden, weil aus seiner Sicht der Bibel , nach der die Erde ja nur 6000 Jahre alt sein könne, widersprechen. Und der didaktische Leiter der Schule erklärt im Interview zum Thema Sexualität, dass es Anliegen der Schule sei Jugendliche „in ihrer Identitätsfindung als Mann als Frau zu begleiten und zu bestärken“ Es ginge darum, „jungen Menschen zu zeigen, dass sie ihre Sexualität von Gott annehmen können und dass diese Sexualität allerdings nicht in sich selbst irgendwie begründet liegt, sondern im Hinblick auf das andere Geschlecht von Gott gegeben ist. Also Sexualität ist etwas, das mir Gott gegeben hat. Nicht nur für mich, sondern für das andere Geschlecht“7 - um brave Christenmenschen zu zeugen, so müsste hier noch ergänzt werden. Hier werden also systematisch junge Menschen in einem fundamentalistisch-christlichen Weltbild erzogen und der SMD rekrutiert hierfür an der Universität Bielefeld die nötigen Missionar_innen.

Dem reaktionären Umtrieb im christlichen Schafspelz entgegentreten!

Vor diesem Hintergrund wendet sich :uniLinks! gegen die Präsenz der SMD in der Uni Bielefeld. Es kann nicht angehen, dass die Unihalle, sowie die Räumlichkeiten der Universität von einer Gruppe genutzt werden, die für ein fundamentalistisches Christentum missioniert und anti-emanzipatorische Politik betreibt, deren Ziel es ist, eine rigide göttliche Ordnung auch im hier und jetzt zu installieren. Die Positionen der SMD und anderer evangelikaler Strömungen stehen einer demokratischen Universität, einer anti-fundamentalistischen ‘Kultur des Zweifels’ sowie einer herrschaftskritischen Bildung und Wissenschaft entgegen.

Kein Raum für den SMD und Fundamentalismus in Unihalle und universitärer Öffentlichkeit!

Schluss mit religiöser Missionierung an der Uni und anderswo!

Für demokratische und herrschaftsfreie Bildung und Wissenschaft!

 

1http://www.ead.de/die-allianz/auftrag.html [Zugriff: 13.06.2011].

3Dazu die „Ziele der Arbeit“ der SMD „a. Durch persönliches und gemeinsames Bezeugen des Evangeliums Schüler, Studenten und Akademiker zur Begegnung mit Jesus Christus zu bringen, damit sie errettet werden; b. uns gegenseitig zu helfen, unser ganzes Leben von Jesus Christus her zu gestalten und uns zum Gehorsam gegen Gott und sein Wort anzuhalten, damit wir im Glauben als lebendige Glieder seiner Gemeinde wachsen.“ http://www.smd.org/smd/ueber-die-smd/inhaltliche-grundlage/richtlinien-d… 113.06.2011]

4:uniLinks! möchte sich mit dieser Bemerkung nicht unkritisch/unreflektiert in das Projekt der modernaufklärerisch-positivistischen Wissenschaften einreihen. Der rationalistische Anspruch der bürgerlichen Universität gegenüber religiös motivierten Lehren muss aber dennoch aus emanzipatorischer Sicht unbedingt verteidigt werden!

6So stand es auf einem Mensaflyer, der im Mai und Juni ausgelegt wurde.

7Die Reportage „Mit der Bibel zum Abitur“ ist online zu finden unter: http://www.planet-schule.de/sf/filme-online.php?film=8273 [Zugriff: 13.06.2011]

Dieser Beitrag wurde unter 2011, Allgemein, Hochschulpolitik, Religionskritik abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.